Die Glocken rufen zum Gebet

Die Glocken rufen zum Gebet. Als Pfarrerin weiß ich das natürlich – in der Theorie und auch in der Praxis.

Vor einigen Tagen habe ich das selbst erfahren: Ich war gerade auf dem Rückweg von einer Vorstandssitzung in der Nähe von Frankfurt. Die A5 war voll und so habe ich mich entscheiden, ab Friedberg quer durch die Wetterau in den Vogelsberg zu fahren. Die Landstraßen waren frei, der Himmel blau, mein Hörbuch spannend – alles bestens. Nur: mein Magen meldete sich für ein Abendessen. Also habe ich in Laubach einen Zwischenstopp für einen Döner eingelegt und diesen in den letzten Sonnenstrahlen im Laubacher Schlosspark gegessen. Herrlich. Auf dem Rückweg zum Auto läuteten die Glocken. Punkt 7. War das nicht die Zeit, in der in Laubach seit Beginn der Corona-Pandemie zum Abendgebet geläutet wird? Eigentlich wollte ich ja Hause… Aber der Ausgang des Schlossparks mündet mit Blick auf die Kirche: Ja, da standen ein paar Menschen. Eine Kerze. Blumen. Und die Glocken läuteten immer noch. Na gut: Es sind nur wenige Schritte zur Kirche. Kaum angekommen, werde ich von meinem Kollegen freudig begrüßt, ich bekomme ein Liedblatt in die Hand gedrückt – und die Andacht beginnt. Mit Musik (die Kantorin ist ebenfalls jeden Abend dabei), einem Psalm, einem Gedanken, alten und neuen Liedern und dem gemeinsamen Gebet, was alle Christen verbindet.

Die Glocken rufen zum Gebet. Und nicht nur das: Sie rufen zusammen. Ganz real, an Orten, an denen sich Menschen treffen und miteinander feiern. Ganz kurz und mitten im Alltag. Sie rufen aber auch die, die gerade nicht alles stehen und liegen lassen und zur Kirche kommen können. Aber sie rufen zu einer Pause. Nur einen Moment innehalten. Vielleicht ein Gebet sprechen. Für sich alleine. Oder in Gedanken mit anderen Menschen, die gerade das Vaterunser beten.

Ich habe festgestellt: Mir hat das richtig gutgetan.

Auch unsere Glocken läuten in der Corona-Zeit um 19.30 Uhr und rufen zum Gebet. Wir hatten in den Heimatglocken und im Mitteilungsblatt darüber berichtet, dass wir uns damit vielen anderen Gemeinden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, dem Bistum Limburg und dem Bistum Mainz anschließen. Das Ziel war, mit diesem ökumenischen Glockengeläut ein hörbares Zeichen der christlichen Gemeinschaft zu setzen. Es sollte für Trost und Ermutigung stehen.

Wie ist es mit Ihnen: Lassen Sie sich noch davon rufen? Oder haben Sie sich schon so daran gewöhnt?

Ich weiß, dass es in den vergangenen Wochen viele Menschen getröstet hat, zu wissen, dass in den Nachbarhäusern, den Straßen nebenan, aber auch in anderen Dörfern und Städten Menschen zur gleichen Zeit wie wir innehalten, singen, beten und ein Licht anzünden.

Bis zum Ewigkeitssonntag werden unsere Glocken weiterhin läuten. Und bis dahin bleibt es dabei: Um 19.30 Uhr sind wir miteinander verbunden – in Gedanken und im Gebet.

Ihre Pfarrerin Antje Armstroff

P.S. Vielen Dank für die inspirierende Andacht an Pfarrer Jörg Niessner und für das Foto an Christina Simon, www.markenflora.com!

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